Kein Ende für Werbeblocker: AdGuard-CTO ordnet die Manifest-V2-Panik ein
Einordnung von unserem CTO: Die jüngsten Schlagzeilen malen den Teufel an die Wand und kündigen das Ende von Werbeblockern an. Doch statt in die allgemeine Panikmache einzustimmen, werfen wir einen nüchternen Blick auf die Fakten. Hier ist die echte Chronologie der Ereignisse.
Die Chronik des „Werbeblocker-Ausschaltens“
Alles begann im Jahr 2019. Google stockte das Team für Chrome-Erweiterungen auf, um ein massives Problem anzugehen: Der Chrome Web Store war überflutet mit Schadsoftware. Googles Überprüfung war schlichtweg mangelhaft, tonnenweise digitaler Schrott schlüpfte durch. Gleichzeitig bremsten unzählige minderwertige Erweiterungen die Browser-Performance aus.
Die Lösung war eine neue Version der Erweiterungsplattform namens Manifest V3 (MV3), die das alte Manifest V2 ersetzen sollte. Der Haken: Diese neue Version beschränkte die technischen Möglichkeiten von Erweiterungen an vielen Stellen massiv. Ob das die eigentlichen Probleme gelöst hat, bleibt fragwürdig.
In puncto Sicherheit konnte bis heute niemand schlüssig erklären, welchen Vorteil MV3 bringt. Bei der Performance sieht es anders aus: MV3 sorgt tatsächlich dafür, dass schlecht programmierte Erweiterungen den Browser seltener ausbremsen.
Um Entwickler von Werbeblockern zu besänftigen, baute Google neue Schnittstellen ein (die sogenannte declarativeNetRequest-API). Sie sollten die verlorenen Funktionen auffangen. Machen wir uns jedoch nichts vor: Hätte Google MV3 so umgesetzt, wie es 2019 geplant war, wäre das das Todesurteil für Werbeblocker und viele andere Add-ons gewesen.
Rettung durch Zusammenarbeit
Dass es nicht so weit kam, ist jahrelanger Kooperation zu verdanken. Noch im selben Jahr stellte Google die Pläne auf der jährlichen Entwicklerkonferenz für Werbeblocker vor. Sie wollten wissen, was wir brauchen, damit unsere Werbeblocker weiterhin normal funktionieren — und sie kamen seitdem jedes Jahr wieder. Gleichzeitig gründete Google zusammen mit Mozilla und Apple die W3C WebExtensions Community Group. In diesem Gremium haben wir als Entwickler direkt mit den Browser-Riesen verhandelt, um MV3 für alle Seiten tragbar zu machen.
Es war ein zäher Weg, aber der gemeinsame Einsatz hat sich gelohnt. Erst fünf Jahre nach der ersten Ankündigung rollte Google MV3 endgültig in Chrome aus. Viele Erweiterungen, inklusive der Werbeblocker, stellten daraufhin um. Lief dieser Übergang schmerzfrei ab? Sicher nicht. Im Vergleich zur Vorgängerversion ist unsere Arbeit etwas komplizierter geworden und das Produkt lässt sich schwerer warten. Für euch als Nutzer:innen ändert sich im Alltag jedoch kaum etwas: Werbeblocker sind nach wie vor absolut lebendig.
Der aktuelle Stand
Damit sind wir in der Gegenwart angekommen. Obwohl Chrome selbst den Schnitt zu MV3 bereits 2024 vollzogen hat, lief der alte MV2-Code im Hintergrund weiter. Chrome brauchte ihn nicht mehr, aber andere Browser auf Chromium-Basis wie Opera, Edge oder Brave bauten darauf auf.
Ab Version 150 fliegt dieser Altcode nun endgültig aus Chromium. Das bedeutet: Alte MV2-Erweiterungen stellen in diesen Browsern komplett den Dienst ein. Realistischerweise fehlen den alternativen Browser-Entwicklern die Ressourcen, um MV2 im Alleingang weiterzupflegen — der Code ist schlicht zu komplex und tief im System verwurzelt.
Das Fazit
Google knipst heute also nicht spontan das Licht aus — die entscheidenden Weichen wurden bereits zwischen 2019 und 2024 gestellt. Mit Werbeblockern ist alles in Ordnung. Wir waren vom Umstieg auf MV3 nie begeistert, aber die prophezeite Apokalypse ist ausgeblieben. Die eigentlichen Verlierer dieses Wechsels sind nicht die Werbeblocker, sondern alternative Browser, die MV2 bisher als Wettbewerbsvorteil gegen Chrome genutzt haben.
Wer jedoch weiterhin die volle Leistung der alten webRequest-Schnittstelle benötigt — also jene tiefgreifende, flexible Filterung, die der restriktive MV3-Ansatz nicht eins zu eins abbilden kann —, sollte nicht vergessen, dass es immer noch Firefox gibt. Mozilla unterstützt die webRequest-Schnittstelle weiterhin uneingeschränkt. Dadurch können anspruchsvolle Content-Blocker dort wie gewohnt arbeiten. Wie auch immer sich das Chromium-Ökosystem entwickelt: Ihr habt die Wahl.
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