Cyber-Spione im Schlafzimmer: Was Ihr Sextoy über Sie verrät

Die „smarte“ Revolution hat längst jeden Bereich unseres Alltags erreicht — und dabei haben wir uns vielleicht ein bisschen zu sehr daran gewöhnt. Smarte Jalousien, Glühbirnen oder Staubsaugerroboter von Roomba sind schon seit Jahren nichts Besonderes mehr. Inzwischen lassen wir jedoch Technik mit „Augen und Ohren“ ganz selbstverständlich in unsere intimsten Räume.

Hightech-Sextoy wird oft wegen seiner Einfachheit und Bequemlichkeit gewählt. Doch heute geht es dabei nicht nur um Lust: Gleichzeitig kann man unbemerkt etwas sehr viel Persönlicheres preisgeben – die eigene Privatsphäre.

Ihr Toy könnte heimlich Daten sammeln, etwa wie oft, wie lange und wie intensiv es genutzt wird. Im schlimmsten Fall erhält es sogar Zugriff auf Mikrofon, Kamera oder die Fotogalerie. Sie denken, Ihre Daten bleiben garantiert nur zwischen Ihnen und Ihrem Toy? Leider ist das keine Selbstverständlichkeit.

Von Good Vibrations in die Cloud

Die meisten modernen Gadgets folgen demselben einfachen Prinzip: Gerät — Bluetooth — App — Cloud.

Alles beginnt mit einem harmlosen Befehl. Nach der Registrierung und dem Koppeln des Geräts mit der App wählen Sie Ihre Einstellungen — und der Spaß kann losgehen.

Der Haken dabei: Das Signal geht nicht direkt vom Smartphone zum Toy. Es nimmt zuerst den Umweg über die Cloud. Hersteller erklären das mit Funktionen für Fernsteuerung, etwa damit eine andere Person das Gerät von überall auf der Welt bedienen kann.

Genau hier wird es heikel. Zusammen mit dem Befehl wird auch ein ganzes Paket an Metadaten an den Server geschickt: Ihre Account-ID, Zeitstempel, das Gerätemodell und sogar die exakte Dauer der Nutzung.

Aus all dem entsteht ein digitales Profil. Einzelne Datenpunkte wie „15 Minuten am Mittwoch“ oder „Wellenmodus am Freitag“ werden ausgewertet und miteinander verknüpft. Der Hersteller prüft also nicht nur, ob die Technik einwandfrei funktioniert — er erfährt auch sehr persönliche Gewohnheiten.

Diese Daten — anonymisiert oder nicht — dienen angeblich dazu, das Produkt zu verbessern. Oder sie werden, was deutlich beunruhigender ist, an Werbetreibende weitergegeben. Die Folge: Anzeigen für „Entspannungshilfen“ tauchen plötzlich genau zu den Zeiten im Feed auf, zu denen das Gerät normalerweise genutzt wird.

Was wirklich geleakt wird

Die Datensammlung geht oft weit über das hinaus, was für den Betrieb wirklich nötig wäre. In so einer intimen Datensammlung können unter anderem folgende Informationen landen:

  • Persönliche Angaben: E-Mail-Adresse, Name, Geburtsdatum — und je nach Profil sogar Angaben zu Vorlieben oder Interessen

  • Nutzungsmuster: Exakte Uhrzeiten, Dauer und Häufigkeit der Nutzung

  • Technische Details: Vibrationsmuster, Intensitätsstufen, Gerätetemperatur und Akkustand

  • Standortdaten: Über das GPS des Smartphones lässt sich Ihr Standort bis auf Stadt, Wohnung oder sogar den Raum genau bestimmen

  • Daten zu Fernsitzungen: Interaktionsverläufe und Kennungen der beteiligten Konten

  • Biometrische Daten: Hochwertige Geräte wie der Lioness erfassen Muskelkontraktionen und Körpertemperatur — und machen Lust messbar und auswertbar

  • Medieninhalte: Gibt es in der App eine Chatfunktion, können auch private Fotos, Videos oder Sprachnachrichten Teil eines Datenlecks werden

Wer hat überhaupt Interesse an diesen Daten?

Apps tracken uns ständig — das ist nichts Neues. Und was soll schon schlimm daran sein, wenn jemand weiß, welches Toy Sie benutzen? Klingt zunächst wie ein winziges Detail im riesigen Datenmeer. Doch die möglichen Folgen sind sehr real.

  • Erpressung und Druckmittel: In falschen Händen können Fotos oder schon die bloße Datenspur bestimmter Geräte missbraucht werden — besonders für Menschen, die in konservativen oder restriktiven Umfeldern leben.

  • Stalking: Werden Nutzungszeiten mit Standortdaten kombiniert, lässt sich der Alltag erstaunlich genau rekonstruieren. Dazu kommt: Nur wenige Marken sichern die Bluetooth-Verbindung mit einem PIN-Code ab. Eine technisch versierte Person in unmittelbarer Nähe könnte ein Gerät theoretisch übernehmen und aktivieren — ohne dass Sie es merken.

  • Hyper-targeted Ads: Werbeplattformen nutzen solche Daten, um Nahrungsergänzungsmittel, Dessous oder angebliche „Wellness-Kurse“ mit unheimlicher Präzision auszuspielen.

Der We-Vibe-Skandal für 3 Millionen Dollar

Der wohl größte Skandal der Branche betraf We-Vibe. Auf der Hacker-Konferenz Defcon zeigten Sicherheitsforscher, dass das Modell We-Vibe 4 Plus Echtzeitdaten zu Temperatur und Vibrationsmodi an die Server des Unternehmens sendete. We-Vibe sprach von „Analytics“ — vergaß aber, genau das offen zu kommunizieren.

Die Folgen waren deutlich spürbar: eine Sammelklage, Entschädigungen von bis zu 10.000 US-Dollar für Betroffene sowie eine hastig überarbeitete Datenschutzerklärung.

Kein Einzelfall

Vibratissimo

Eine Sicherheitslücke legte eine offen zugängliche Datenbank frei — inklusive Passwörtern, Chatverläufen und sehr privaten Fotos.

Lovense

Hier fiel auf, dass die App im Hintergrund Audio aufzeichnete. Das Unternehmen spielte den Vorfall herunter und bezeichnete ihn als „Bug“.

Der rechtliche Schutz

In Europa gelten Daten zum Sexualleben als besonders sensibel. Die DSGVO schreibt dafür strenge Schutzmaßnahmen vor, ebenso das „Recht auf Vergessenwerden“, und sieht hohe Strafen vor — bis zu 20 Millionen Euro.

In den USA gibt es bislang kein einheitliches Bundesgesetz. Vorreiter ist Kalifornien mit dem CCPA/CPRA: Dort werden intime Daten als Sensitive Personal Information (SPI) eingestuft. Apps müssen eine „Limit the Use“-Option anbieten, mit der sich Datennutzung und Profiling einschränken lassen. Mehr als zehn weitere Bundesstaaten, darunter Texas und New Jersey, haben ähnliche Regeln eingeführt.

So schützen Sie sich

Sie müssen Ihre Lieblings-Toys nicht wegwerfen und in die Steinzeit zurückkehren. Ein paar einfache Regeln für digitale Hygiene reichen oft schon aus:

  • Berechtigungen prüfen: Fragen Sie sich, warum ein Vibrator Zugriff auf Kontakte oder das Mikrofon braucht. Ergibt das keinen Sinn, verweigern Sie die Freigabe.

  • Spuren minimieren: Nutzen Sie für die Registrierung eine Einweg-E-Mail-Adresse und einen Fantasienamen im Profil.

  • Alles aktuell halten: App und Firmware sollten immer auf dem neuesten Stand sein, damit bekannte Sicherheitslücken geschlossen werden.

  • Bluetooth ausschalten: Schalten Sie das Gerät nach der Nutzung komplett aus. Keine Verbindung heißt auch keine Möglichkeit zur Fernsteuerung.

  • Werbeblocker und VPN nutzen: Das reduziert Tracking und sorgt für zusätzliche Anonymität bei der Verbindung.

Unterm Strich sind smarte Sextoys mehr als nur Gadgets — sie sind komplexe Systeme zur Datenerfassung. Der Komfort hat seinen Preis: Ihre Privatsphäre. Wer informiert bleibt und bewusst mit Technik umgeht, behält die Kontrolle im eigenen Schlafzimmer.

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