Microsoft Edge verabschiedet sich von Manifest V2. Was heißt das für eure Werbeblocker?
Microsoft Edge bereitet sich endlich darauf vor, sich von Manifest V2 zu verabschieden — der Erweiterungsplattform, auf der viele langjährige Browser-Tools basieren, darunter einige der leistungsfähigsten Werbeblocker.
Microsofts Ankündigung hat die gleichen alarmistischen Schlagzeilen ausgelöst wie damals der Umstieg von Chrome auf Manifest V3. Manche warnen, Edge werde ältere Werbeblocker aussperren, andere sprechen von kastrierten Werbeblockern. Die Realität ist weniger apokalyptisch — aber auch nicht so schmerzfrei, wie Microsoft selbst suggeriert.
Werbeblocker werden in Edge überleben. Aber Manifest V3 gibt Erweiterungen weniger Kontrolle über Netzwerk-Anfragen, begrenzt die Anzahl der Filterregeln und erschwert schnelle Filter-Updates. Fast das gleiche Schutzniveau ist möglich — es erfordert nur deutlich mehr Entwicklungsarbeit.
Wann schaltet Edge Manifest-V2-Erweiterungen ab?
Erste Warnhinweise erscheinen im August 2026, zunächst in Edge Canary, Dev und Beta. Danach weitet Microsoft die Umstellung schrittweise auf das stabile Edge aus — die Version, mit der die meisten Menschen im Alltag arbeiten. Der Umstieg für Privatpersonen soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein. Managed-Enterprise-Installationen bekommen mehr Zeit, bis Anfang 2027. Ein einheitliches Stichdatum oder eine bestimmte Edge-Version hat Microsoft nicht genannt.
Microsoft sagt, 95% der Erweiterungen seien bereit — und der Rest?
Laut Microsoft haben mehr als 95% der aktiv genutzten Edge-Erweiterungen bereits auf Manifest V3 umgestellt. Nur 58 Erweiterungen mit „nennenswerter Nutzung“ setzen noch auf MV2, und bei dreien gebe es offenbar keine fertige MV3-Alternative.
Die Zahl klingt klein — aber Werbeblocker und ähnliche Privacy-Erweiterungen sind unter den verbleibenden 58 vermutlich überrepräsentiert. MV3 trifft vor allem Erweiterungen, die Web-Anfragen prüfen und verändern. Genau das war das Herzstück der klassischen Inhaltsblockierung.
Microsoft hat die drei Erweiterungen nicht genannt, und die öffentlichen Daten des Edge Stores beantworten die Frage nicht. Sie zeigen zwar, welches Manifest eine Erweiterung verwendet, aber nicht, welches MV3-Produkt Microsoft als Ersatz betrachtet.
Zwei starke Kandidaten haben wir gefunden: AdNauseam, dessen Entwicklungsteam sagt, ihnen fehlten die Ressourcen für eine eingeschränkte MV3-Version, und ClearURLs, dessen vorgeschlagene MV3-Umstellung als „nicht geplant“ geschlossen wurde.
Auch uBlock Origin ist ein ambivalenter Fall. Die Edge-Version nutzt MV2, aber mit uBlock Origin Lite existiert eine schlankere Erweiterung unter MV3. Ob Microsoft sie als Ersatz betrachtet, ist unklar. uBO-Entwickler Raymond Hill hat jedenfalls klar gesagt, es gebe keine Manifest-V3-Version von uBO. Außerdem erklärte er, „uBOL sei zu anders als uBO, um uBO stillschweigend zu ersetzen“.
uBOL kann ein guter leichter Werbeblocker sein, aber er opfert erweiterte Funktionen, die MV3 nicht unterstützt. Wie wir in unserem Artikel über die Entfernung von uBlock Origin aus Chrome erklärt haben, ist es eine abgespeckte Alternative, kein echter Eins-zu-eins-Ersatz.
Worin sich Manifest V2 und Manifest V3 unterscheiden
Der Unterschied zwischen uBO und uBOL zeigt den grundlegenden Kompromiss, den MV3 erzwingt. Werbeblocker müssen entweder auf bestimmte Funktionen verzichten oder Jahre investieren, um sie im engeren Rahmen neu aufzubauen. Die entscheidende Änderung betrifft die Frage, wer die Blockierentscheidung trifft. Unter MV2 konnte ein Werbeblocker jede Anfrage prüfen und in Echtzeit reagieren. Unter MV3 muss er in der Regel einen vordefinierten Regelsatz bereitstellen und den Browser entscheiden lassen.
Google hat das als Sicherheits-, Privacy- und Effizienzgewinn für Erweiterungen verkauft. Das klingt beruhigend — aber unser Mitgründer und CTO Andrey Meshkov argumentiert, dass weniger Möglichkeiten für Erweiterungen die Menschen nicht automatisch sicherer machen. Betrugs-Erweiterungen blieben auch dann ein Problem, als der Chrome Web Store keine neuen MV2-Erweiterungen mehr annahm. Seiner Ansicht nach würden strengere Store-Moderation und engere Zusammenarbeit mit Sicherheitsfachleuten mehr für die Sicherheit aller tun, als legitimen Erweiterungen Werkzeuge zu nehmen.
Für Werbeblocker sind die praktischen Folgen konkret und ziemlich belastend:
- Weniger Regeln, weniger Flexibilität. Browser begrenzen die Anzahl aktiver Filter, und manche klassischen Filterregeln lassen sich nicht ohne Funktionsverlust ins MV3-Format übertragen.
- Langsamere Filter-Updates. Viele Filter sind inzwischen fest in der Erweiterung verbaut und aktualisieren sich normalerweise nur, wenn eine neue Version die Store-Prüfung passiert. Auf neue Werbeformen oder kaputte Websites zu reagieren, wird dadurch schwieriger.
- Langsamere Innovation. Weil der Browser einen größeren Teil der Filterung übernimmt, können Erweiterungen nicht frei neue Methoden zur Verarbeitung von Anfragen einführen. Die Funktion muss ins vorhandene Regelsystem des Browsers passen — sonst bleibt nur ein Workaround oder das Warten darauf, dass der Browser die Fähigkeit nachrüstet.
Jahrelange Diskussionen und Feedback aus der Entwickler-Community haben MV3 deutlich brauchbarer gemacht. Aus der erwarteten Katastrophe wurde das kleinere Übel — aber die Leistungsfähigkeit einer MV2-Erweiterung zu erreichen, erfordert weiterhin erheblich mehr Entwicklungsressourcen. Wie Meshkov es formulierte: Der Umstieg erfordert „von allen Beteiligten einen enormen Aufwand“. Kleinere Projekte und Freiwilligen-Teams können da womöglich nicht mithalten — oder überleben nur in eingeschränkter Form.
Wie AdGuard Manifest V3 überlebt hat
Wir unsererseits haben bereits Mitte 2021 mit den Vorbereitungen begonnen und 2022 den weltweit ersten funktionierenden MV3-Werbeblocker-Prototyp veröffentlicht. Nach zwei weiteren Jahren Entwicklung wurde die Release-Version im September 2024 unsere Haupt-Erweiterung für Chrome.
Das war deutlich mehr als das Ändern einer Manifest-Datei. Wir haben Werkzeuge gebaut, die klassische Filter in MV3-Regeln übersetzen, und die kosmetische Filterung — das Entfernen von Bannern, Platzhaltern und anderen unerwünschten Seitenelementen — läuft weiterhin über unsere eigene Engine.
Außerdem haben wir den Quick-Fixes-Filter eingeführt. MV3 erlaubt eingebauten Filtern normalerweise nicht, sich unabhängig von der Erweiterung zu aktualisieren. Quick-Fixes nutzt das begrenzte Kontingent für dynamische Regeln, um auf dringende Probleme zu reagieren — ohne auf ein komplettes Erweiterungs-Update mit Store-Prüfung zu warten.
Einige Einschränkungen bleiben. Die Anzahl der Regeln ist begrenzt, manche Filtertechniken lassen sich nicht exakt nachbilden, und die meisten Filter-Updates müssen weiterhin mit der Erweiterung selbst ausgeliefert werden. Die Funktionalität nahe an unserer MV2-Version zu halten, kostet daher mehr Arbeit, und manche Verbesserungen erreichen euch später.
Trotzdem dürften die meisten Menschen im Alltag kaum einen Unterschied merken. In seiner jüngsten Einschätzung sagte Meshkov: „Wir waren vom Umstieg auf MV3 nie begeistert, aber die prophezeite Apokalypse ist ausgeblieben.“
Was passiert mit dem AdGuard Werbeblocker in Edge?
Der aktuell im Edge-Add-ons-Store verfügbare AdGuard Werbeblocker nutzt weiterhin Manifest V2. Ihr könnt ihn so lange weiterverwenden, wie Edge MV2 unterstützt — ein sofortiger Ersatz oder eine Neuinstallation ist nicht nötig.
Wir werden unsere MV3-Erweiterung in den Edge-Store bringen, bevor die Umstellung die reguläre Edge-Version erreicht. Ein genaues Datum können wir noch nicht nennen, weil wir noch klären, wie Edge Updates mit neuen Filterversionen prüft. Unter MV3 ist dieser Prozess besonders wichtig, weil die meisten Filter in der Erweiterung verpackt sind.
Wer jetzt schon auf MV3 in Edge umsteigen möchte, kann unsere Chrome-Web-Store-Version in Edge installieren. Edge basiert auf Chromium — demselben Fundament wie Chrome —, die Erweiterung sollte also weitgehend gleich funktionieren und Updates erhalten. Jedes Edge-spezifische Szenario haben wir allerdings nicht erschöpfend getestet.
Wer die volle Leistungsfähigkeit der AdGuard-Erweiterung behalten möchte, kann auch Firefox in Betracht ziehen. Firefox unterstützt weiterhin die Blockierfunktionen, die MV3 aus Chromium-Browsern entfernt hat.
Die dauerhafteste Option ist jedoch ein Schutz, der nicht von der Erweiterungsplattform eines Browsers abhängt. Systemweite AdGuard-Apps für Windows, Mac und Android schützen Browser und andere Anwendungen auf Geräteebene. Änderungen an Edge, Chrome oder einem anderen Browser können diesen Schutz daher nicht aushebeln.












