ChatGPT bringt das Werbebanner zurück und treibt das Tracking noch weiter
2024 sagte OpenAI-Chef Sam Altman, er finde Werbung furchtbar. Ein Jahr später begann er, einen Teil davon „cool“ zu nennen. Im Januar 2026 dann kündigte sein Unternehmen Textanzeigen für ChatGPT an. Jetzt werden diese Anzeigen größer und vermutlich auch dreister: Die neuen „visuellen Anzeigen“ von ChatGPT erscheinen, während du auf ein fertiges Bild wartest. Sie belegen einen weiteren Teil deines Bildschirms, ganz gleich, ob du die kostenlose Version nutzt oder für das Abo Go zahlst.
Genau diese schleichende Ausweitung hat Anthropic in seinem umstrittenen Super-Bowl-Seitenhieb gegen OpenAI aufs Korn genommen (wir haben darüber im Blog berichtet): hilfreiche Gespräche, die jäh in unpassende Verkaufsfloskeln abdriften. Auch wir schlagen seit Langem denselben Alarm. Wer der Werbung einen Fuß in die Tür lässt, kann sich sicher sein, dass die Nutzung darunter leidet. Ob ChatGPT jemals zu Anthropics grässlichem Verkäufer wird, bleibt abzuwarten. Aber größere Anzeigen und ein weiterer Platz für sie bringen ChatGPT unangenehm nah an diese Version heran.
Neuer Name, altes Problem: ChatGPT erfindet das Werbebanner neu
Nach Angaben von OpenAI sollen die neuen Anzeigen mit Bildern Produkte vorschlagen, sie im Einsatz zeigen oder für Dienstleistungen werben, und zwar genau dann, wenn ChatGPT dein Bild erzeugt. OpenAIs eigene Mockups zeigen ein Lebensmittel-Banner und ein Karussell aus Essensfotos, samt Namen des Werbetreibenden und gut sichtbarem Button „Learn more“.

Wenn dir das verdächtig bekannt vorkommt, dann aus gutem Grund. Zieh nur die Marketing-Sprache ab, und übrig bleibt unser alter Bekannter, oder eher unser Gegner: das klassische Display-Banner. „Visuelle Werbung“ dazu zu sagen ist ein frischer Anstrich auf einem uralten Ärgernis.
Um den Schlag abzufedern, versprach OpenAI schnell Schutzmechanismen: Die Werbung bleibe getrennt von den erzeugten Bildern und erscheine nicht in sensiblen oder emotional heiklen Gesprächen. Zudem beruhigt OpenAI mit der Zusage, dass „die Antworten von ChatGPT unabhängig bleiben, die Gespräche privat bleiben und die Menschen die Kontrolle über ihre Nutzung behalten“.
Alle „visuellen Anzeigen“ bekommen ein „Ad“-Label, das sie OpenAI zufolge klar von den sonst neutralen Antworten der KI trennt. In der Praxis ist davon kaum etwas zu spüren. Im Lebensmittel-Banner steckt das winzige „Ad“-Abzeichen mitten im Bild selbst. Im Karussell steht es unauffällig über den Fotos, direkt neben dem Namen des Sponsors. Die Farbe des Labels geht im Hintergrund unter, wodurch es noch leichter zu übersehen ist. Das ist kein harmloses Versehen. Ganz nach dem Vorbild von Google haben Werbetreibende die Kunst der Tarnung über Jahrzehnte verfeinert, und OpenAI folgt nur diesem Trend. Wenn du deinen Bildschirm nur überfliegst, erkennst du eine optisch angepasste Produktkarte nicht als bezahlte Werbung. Sie sieht aus wie ein weiterer hilfreicher Tipp deines KI-Assistenten.
Und selbst wenn du genau weißt, dass dort eine Anzeige steht: Tarnung ist nicht das einzige Problem. Wie OpenAI es auch verkauft, wir werden zurück in die schlimmste Phase des Webs gezerrt, ins Zeitalter der lauten, aufdringlichen Banner, die den Bildschirm zupflastern und deinen Fokus stören. Ein kurzer gesponserter Text ist relativ leicht zu übergehen. Ein Banner, das die Hälfte deines Handybildschirms belegt, während du auf ein Bild wartest, ist ein ganz anderes Problem.
Deine Chats sind jetzt Teil des Verkaufsgesprächs
So nervig Banner sind: Die visuelle Zumutung ist nur die halbe Wahrheit. Was im Hintergrund passiert, ist ein noch deutlich größeres Warnsignal.
Als OpenAI im Februar 2026 anfing, Textanzeigen zu testen, warnten frühe Berichte, dass das Werbe-Tracking von Beginn an eingeschaltet war. Jüngere Berichte (1, 2)
legen nahe, dass bei einigen berechtigten Konten zwei zentrale Schalter standardmäßig aktiv sind: „Personalize ads“ und „Past chats and memory“. Die Vorgaben variieren je nach Region. OpenAIs eigene Dokumentation zeigt, wie weit das geht. Im Leitfaden Ads in ChatGPT schreibt das Unternehmen, dass für die Auswahl der Anzeigen dein aktueller Prompt, die Antworten der KI und die von dir angeklickten oder ausgeblendeten Anzeigen herangezogen werden, dazu dein ungefährer Standort und deine Sprache. Ist Memory aktiv, durchforstet OpenAI zusätzlich deine gespeicherten Erinnerungen und früheren Chats, um die Werbung zuzuschneiden. Obendrein erlauben OpenAIs Regeln zur Vermarktung auf Drittplattformen dem Unternehmen, Geräte-IDs und Surfdaten an Werbepartner zu übermitteln, um die eigenen Produkte zu bewerben. All das ist automatisch an. Das gesamte Datenschutzrisiko liegt damit bei dir. Abschalten kannst du diese Funktionen in den Einstellungen → Ad Controls, Drittanbieter-Marketing stellst du in den Data Controls ab. Kaum jemand gräbt sich durch Konto-Untermenüs, und vermutlich genau darauf setzt OpenAI, wenn es die Abmeldemöglichkeiten dort versteckt.
OpenAI betont, dass Werbetreibende nur allgemeine Zahlen bekämen, etwa Gesamtaufrufe und Klicks, während OpenAI das Targeting selbst übernehme. Aus Sicht des Datenschutzes ist das immer noch ein schlechtes Geschäft. Viele behandeln Chatbots nicht wie die Google Suche, sondern eher wie Vertraute. Sie teilen Sorgen um die Gesundheit, Geldprobleme und Beziehungsdrama. Diese Historie für die Anzeigenauswahl zu nutzen, erlaubt OpenAI ein unangenehm genaues Profil davon, wer du bist. Und selbst wenn deine Chats die Server von OpenAI nie verlassen, können hochspezifische Anzeigen dich verraten. Wer einen Blick auf deinen Bildschirm wirft, kann daraus leicht ableiten, über welche sensiblen Themen du gerade mit dem Chatbot gesprochen hast. Dasselbe gilt für Werbetreibende, die auf enge Zielgruppen und bestimmte Interessen zielen.
Die Personalisierung abzuschalten ist auch kein Allheilmittel, denn OpenAI richtet die Anzeigen weiterhin an deinem aktuellen Chat aus. Wenn du ChatGPT bittest, dein Gaming-Setup der Träume oder ein Home-Gym zu visualisieren, bekommt OpenAI mit deinem Prompt bereits ein umfassendes Marketing-Briefing: deinen Geschmack, deine Einkaufspläne, dein Budget und deine Markenpräferenzen.
Wer sich darauf verlässt, dass eine KI-Plattform solche intimen Daten sicher hütet, geht davon aus, dass Lecks nie passieren. OpenAIs eigene Bilanz zeigt aber, wie schnell etwas schieflaufen kann: Ein Serverfehler zeigte Chat-Titel und einige Zahlungsdaten aus ChatGPT-Konten kompletten Fremden, Tausende geteilte Gespräche landeten im Index der Google Suche, und zwar über eine Opt-in-Teilen-Funktion, die Chats durchsuchbar machte und nach dem Datenschutz-Backlash wieder entfernt wurde. Und erst vor Kurzem teilte OpenAI mit, dass die eigenen autonomen Agenten 53 Bilder aus ChatGPT-Konten auf öffentlichen Websites landen ließen.
Lecks sind nicht der einzige Weg, auf dem deine Informationen bei Menschen landen, denen du dich nie anvertrauen wolltest. OpenAI räumt ein, dass berechtigte Mitarbeitende und externe Dienstleister in begrenzten Fällen auf deine Inhalte zugreifen dürfen, etwa für Support, Missbrauchsuntersuchungen, rechtliche Anliegen und die Verbesserung der Modelle, sofern du das Training nicht ablehnst. Die Datenschutzrichtlinie erlaubt außerdem die Offenlegung gegenüber Behörden aus rechtlichen Gründen und die Übertragung personenbezogener Daten, wenn das Unternehmen verkauft, umstrukturiert oder zahlungsunfähig wird. Sogar das Löschen kann an rechtliche Hürden stoßen: OpenAIs Urheberrechtsstreit mit der New York Times zwang das Unternehmen, gelöschte Chats aufzubewahren. Einige historische Daten bleiben auch nach dem Ende der pauschalen Anordnung unter Aufbewahrungspflicht.
Du kannst Personalisierung und Memory-Nutzung abschalten, deine Werbe-Historie ansehen und das Löschen deiner Werbedaten beantragen. Doch selbst das hilft vielleicht nicht. OpenAI sagt, dass gelöschte Werbedaten nicht mehr für die Anzeigenauswahl genutzt werden. Das Entfernen dieser Daten aus den Systemen kann aber bis zu 30 Tage nach deiner Anfrage dauern. Unabhängig prüfen, was von den Servern tatsächlich weg ist, kannst du nicht. Du musst OpenAI schlicht beim Wort glauben.
Das Tracking endet nicht bei ChatGPT
Neben den visuellen Anzeigen hat OpenAI ein ausgebautes Netz von „Measurement“-Partnern vorgestellt. Diese Unternehmen helfen OpenAI, einzuschätzen, ob die Werbung wirkt. Sie verknüpfen deine Werbekontakte in ChatGPT mit Käufen und anderen Aktivitäten auf Websites und in Apps der Werbetreibenden. So reicht das Tracking über die ChatGPT-Chats hinaus.
Du musst nicht einmal auf eine Anzeige klicken, um erfasst zu werden. OpenAI erfasst auch Käufe, die auf eine bloß gesehene Werbung folgen. Ignoriere ein Werbebanner und kauf später am selben Tag auf der Website des Ladens: Das System kann die Punkte trotzdem verbinden, den Kauf der Anzeige zuschreiben und ihn nutzen, um künftige Kampagnen nachzusteuern.
Vertrauen schaffen die Firmen, mit denen OpenAI zusammenarbeitet, auch nicht. Ein Beispiel ist LiveRamp, dessen Kerngeschäft die sogenannte Identitätsauflösung ist, also das Zusammenführen einzelner Datenpunkte wie Name, E-Mail-Adresse, Telefonnummer und Geräte-Kennungen zu einem einzigen Profil. Dann ist da Kochava, ein Datenbroker, den die FTC vor Gericht zog, weil er mutmaßlich präzise mobile Standortdaten verkauft hatte, die Besuche sensibler Orte wie Kliniken für reproduktive Gesundheit und Gotteshäuser nachzeichneten. Am Ende stand eine gerichtliche Anordnung, die genau solche Verkäufe streng untersagt. Ein weiterer Partner, AppsFlyer, tauchte in FTC-Verfahren gegen Gesundheits-Apps auf, die sensible Daten über die Tracking-Software von AppsFlyer teilten. Diese Verfahren richteten sich gegen die Apps und nicht gegen AppsFlyer selbst. Sie zeigen aber, wie leicht intime Details in Werbe-Tracking-Netzwerken landen.
Warum stopft OpenAI ChatGPT mit immer mehr Werbung voll?
OpenAI scheint früh begriffen zu haben, dass Abo-Preise die Rechnung nicht allein tragen können. Das Unternehmen erwartete, dass ein durchschnittliches Abo bis 2027 weniger als 12 US-Dollar pro Monat einbringt, nach rund 23 US-Dollar im Jahr 2025. Die Wette sah klar aus: mehr Menschen in günstigere Tarife locken und dann die Werbekunden die wachsenden Rechnungen mitzahlen lassen. Mit einem der Berichten nach angestrebten Ziel von 100 Milliarden US-Dollar jährlichen Werbeerlösen bis 2030 waren größere Formate und mehr Platz auf deinem Bildschirm kaum ein überraschender nächster Schritt.
Dieser Hunger wird verständlich, wenn du dir die astronomischen Kosten des Unternehmens ansiehst. Laut Berichten über interne Hochrechnungen rechnet OpenAI damit, zwischen 2026 und 2030 rund 278 Milliarden US-Dollar an Cash zu verbrennen, weil das Unternehmen massiv in Rechencluster und Rechenzentren investiert. Selbst nach 122 Milliarden US-Dollar an zugesagten Finanzierungen, die OpenAI Anfang dieses Jahres gesichert hat, könnte das Geld bis 2028 aufgebraucht sein. Das liegt Jahre vor dem Punkt, an dem das Unternehmen frühestens 2030 tatsächlich Gewinn erwartet.
Denselben Abbau haben wir schon anderswo gesehen. Amazon hat Werbung in bestehende Prime-Video-Abos eingebaut und Extra-Geld fürs Abschalten verlangt. Smarte Fernseher verwandeln ihren Bildschirmschoner in eine Werbefläche, und Automobilhersteller haben eingebaute Hardware-Funktionen hinter eine Paywall verlagert. Quer durch die Tech-Branche bekommen Produkte, für die du bereits zahlst, immer wieder Werbung oder künstliche Beschränkungen obendrauf, und danach eine weitere Gebühr, damit beides verschwindet.
Während du wartest, verdient OpenAI mit
Beim Mechanismus selbst: Wartezeit in Werbefläche zu verwandeln ist keine Erfindung. Vor Kurzem haben wir Ähnliches bei einem unbekannten Startup gesehen, das Werbung anzeigt, während Entwickler:innen auf generierten Code warten. Anders als OpenAI teilt das Startup die Werbeeinnahmen immerhin mit den Leuten, die es nutzen.
Das klingt überzogen, aber sobald Warten Geld bringt, schreibt sich das Worst-Case-Szenario fast von selbst: OpenAI könnte die Bilderzeugung absichtlich verlangsamen, nur damit du dir eine Anzeige ansiehst. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass OpenAI so etwas plant, und hoffentlich bleibt das so. Doch sobald Warten profitabel wird, sind schnelle Antworten schlecht fürs Geschäft.
Wie AdGuard die Werbung blockieren kann
Zum Glück: Eine größere Anzeige ist nicht automatisch schwerer zu blockieren.
Der Lichtblick an OpenAIs Entwurf: Diese neuen Banner-Anzeigen sollen getrennt von ChatGPTs eigentlichen Antworten und Bildern bleiben. Wie wir in unserem früheren Beitrag zum Blockieren von ChatGPT-Werbung und -Empfehlungen erklärt haben, sind eigenständige Karten und gesponserte Widgets vergleichsweise einfach zu blockieren. AdGuard hat bereits Regeln für die Shopping-Empfehlungen von Perplexity in den Filter „Sonstige Belästigungen“ aufgenommen, und dieselbe Logik gilt auch hier.
Auf Basis des angekündigten Designs gehen wir davon aus, dass sich die neuen visuellen Anzeigen im Web filtern lassen. Wir prüfen den Code, sobald die Funktion ausgeliefert ist. Wie wir schon beim Erscheinen der ersten ChatGPT-Werbung angemerkt haben, gelten beim Blockieren in nativen Mobil-Apps eigene Mechaniken. Die testen wir, sobald sie verfügbar sind.












